Sind unsere Almen beratungsresistent?

„Des mach ma ned. Wir sind schon immer am 5. Juni aufgfahren!“

Ah ja. Der 5. Juni. Ein magisches Datum. Seit Generationen unverrückbar – quasi in die Almordnung gemeißelt.

„Früher hat’s auch funktioniert.“
„Mein Großvater ist auch immer am selben Tag aufgefahren.“

Auch Klassiker aus dem Repertoire der Almberatung.

Nur: Dem Großvater ist halt nicht das Futter davongewachsen.

Wenn im Frühjahr das Gras früher wächst, wartet es nämlich nicht höflich auf den traditionellen Auftriebstermin. Und wenn es später heiß und trocken wird, hilft es der Kuh wenig, dass der Almbauer seit 40 Jahren am selben Tag aufgefahren ist.

Natürlich ist Erfahrung Gold wert. Wer jahrzehntelang eine Alm bewirtschaftet, weiß Dinge, die in keinem Lehrbuch stehen. Wo das Gras zuerst kommt, welche Quelle Ende August noch Wasser führt und wann normalerweise der richtige Zeitpunkt für den Auftrieb ist.

Aber dieses „normalerweise“ verändert sich.

Genau deshalb gibt es Almberatung. Nicht, um das Wissen der Alten wegzuwischen, sondern um Erfahrung mit neuen Erkenntnissen, Vegetationsentwicklung und Wetter- bzw. Klimadaten zusammenzubringen.

Beratung heißt schließlich nicht: „Du machst es falsch!“

Eher: „Schauen wir, ob das, was gestern funktioniert hat, unter den Bedingungen von morgen auch noch funktioniert.“

Und vielleicht muss man dafür manchmal auch dem Großvater widersprechen dürfen.

Nicht respektlos. Sondern in seinem Sinne.

Denn eines wird dem Großvater vermutlich wichtiger gewesen sein, als dass sein Enkel jedes Jahr exakt am selben Tag aufgefahren ist: Dass die Alm funktioniert.

Oder, um ein oft bemühtes Bild zu bemühen: Tradition bedeutet nicht, die Asche anzubeten. Sie bedeutet, das Feuer weiterzutragen.

Und wenn dieses Feuer heute vielleicht einen Auftrieb am 15. Mai statt am 5. Juni verlangt?

Dann soll’s halt so sein.

Der Großvater wird’s überleben.

Die Alm hoffentlich auch.

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