„Mooslawine“ nennen die Einheimischen einen steilen Lawinenzug oberhalb des Tales. Kracht diese ungehindert herunter, kommt sie gar bis an die Grenzen des Dorfes. Jahrzehntelang ist die Fläche zunehmend mit Alpenrosen und anderen Zwergsträuchern zugewachsen. Die Folge: Die Weide verschwand immer mehr und die aufgrund jahrhundertelanger Beweidung aufgebaute Dynamik des Hanges, die Lawinenabgängen vorgebeugt hatte, ging verloren.
Ziegen, Yaks, Kälber, Ponys…
Hier setzt das Projekt an. Pächter Urban Lentsch beweidet die rund 20 Hektar große Versuchsfläche in zwei Koppeln mit einer ungewöhnlichen Mannschaft. Den Anfang machen Ziegen und Yaks. Die trittsicheren Tiere dringen auch in schwierigstes Gelände vor und fressen sich durch Grünerlen und andere Gehölze. Anschließend kommen Kälber zum Einsatz, die mit ihrem höheren Gewicht erwünschte Trittschäden in den Alpenrosenbestände erzeugen. Zusätzlich kommen ein paar Ponys zum Einsatz, die in den flacheren Weiden das Borstgras reduzieren helfen. „Echte“ Pferde wären optimal, aber dafür sei das Gelände dann doch zu gefährlich.
Der Aufwand dahinter ist allerdings enorm. Im extremen Gelände müssen kilometerlange Elektrozäune errichtet und ständig instandgehalten werden.
Beim Anblick dieser Zäune mit vierfachen Litzen und einem Flatterband obendrauf im bis zu 40 Grad steilen Gelände, kommt unserem Almfuchs allein schon das Schwitzen. Dazu kommt der schlechte Ruf von Ziegen als „freiheitsliebende“ Charaktertiere … Deshalb ist Hirte Urban auch klar in der Ansage: „Nicht jede Ziege eignet sich. ‚Zaunfrevler‘ werden konsequent aussortiert – gefragt sind nur ruhige, zauntreue Tiere.“

Expertise vom „Alm-Guru“
Begleitet wird das Projekt vom international renommierten Landschaftsökologen und Almexperten Dr. Michael Machatschek. Für ihn ist klar: Erfolgreiche Almwirtschaft beginnt mit dem Verständnis jeder einzelnen Alm. Weidemanagement müsse sich an Gelände, Vegetation und Standort anpassen – Patentrezepte gebe es nicht.
Ein wichtiger Baustein sei dabei der frühe Auftrieb. Nur wenn die Tiere rechtzeitig auf die Flächen kommen und gezielt gelenkt werden, lassen sich dominante Alpenrosenbestände oder ausufernde Grünerlen wirksam zurückdrängen.

Machatschek weist außerdem auf einen oft übersehenen Zusammenhang hin: Über Jahrzehnte wurden Nährstoffe auf vielen Almen ungleich verteilt. Tiere fraßen an einer Stelle und lagerten ihren Dung an einer anderen ab. Dadurch entstanden über- und unterversorgte Bereiche, was die Ausbreitung einzelner unerwünschter Pflanzenarten zusätzlich begünstigte. Typische Legerfluren mit Alpenampfer in den flacheren Passagen und raumgreifende Rhododendren (Rostrote Alpenrose) in den steilen Lawinenstrichen. Durch ein gezieltes Weidemanagement lässt sich dieses Ungleichgewicht nach und nach wieder korrigieren. Aber Geduld, Einsatz und dynamisches Denken sind gefragt.
Auch bei Lawinenstrichen plädiert der Almexperte für ein Umdenken. Während die Lehrmeinung hier Aufforstung propagiert, sieht er in offenen, intensiv beweideten Lawinenbahnen wertvolle Lebensräume und wichtige Weideflächen. Voraussetzung ist allerdings ein ausreichend hoher Weidedruck. „Aufforstung“ überlässt der Almexperte also lieber den Naturkräften.
Auch den Grünerlen kommt in diesem Sinne eine wichtige Rolle zu. Sie gehören zum natürlichen Mosaik einer Alm. Problematisch wird es erst dann, wenn sie andere Pflanzen verdrängen, wertvolle Weideflächen überwuchern und Almböden versauern. Genau hier spielen Ziegen ihre besonderen Fähigkeiten aus, indem sie der allzu sehr um sich greifenden Grünerle an die Wurzel und an die Blätter gehen.
Das Projekt auf der Verpeilalm zeigt eindrucksvoll, dass Klimaanpassung nicht immer Hightech braucht. Manchmal reichen vier Beine, ein sicherer Tritt und ein gesunder Appetit. So werden aus vermeintlich störrischen Almziegen echte Landschaftspfleger – und im besten Sinn stille Katastrophenhelfer.
Weitere spannende Beiträge zum Weiterlesen gibt’s hier:
- Lexikon der Almpflanzen: Alpenrose
- Wie Almen beim Schutz vor Lawinen helfen
- Bei Pflege der Hochalmen helfen Ziegen
- Alm ohne Weidetiere? Interview mit Bundesobmann Josef Obweger
- Digitale Helfer: Wie neue Technologien die Arbeit auf der Alm erleichtern