Spektakulär. So mutet mich die Voralp vom ersten Augenblick an. Nur zu Fuß erreichbar von der Zufahrtsstraße aus zum nicht minder pittoresken Göschenenalpsee zu Füßen des Dammastocks. Eine gute Stunde Zustieg zum „Nieder“leger auf knapp 1.800 m. Zum Hochleger auf 2.000 m geht es dann nochmal raschen Fußes 30 min länger. Die höchst gelegen Weiden am Gletscherboden steigen von hier aus über 2200 m hoch hinauf. Das Vieh muss denselben Weg gehen vom Tal aus – gut zu Fuß und trittsicher müssen sie sein, die lieben Viecher…
Steinreiche Alpböden
Aber was sind das bitte für „Weiden“ denke ich mir, sobald ich ab ca. 1.600 m Seehöhe das eigentliche Alpgebiet durchwandere. Steine und Felsbrocken, wohin das Auge auch blickt, steile Weideinseln zu beiden Seiten eines Baches im von Grünerlen, Farnen und anderem Gesträuch ziemlich „durchwachsenen“ Terrain. Erst kurz vor dem Niederleger ein flacherer Boden, dieser allerdings komplett mit Flußsteinen übersät, die darunter befindliche beste Weidegründe im Zuge eines Hochwassers vor vielen Jahren schon zunichte gemacht haben.
Das verrät mir Matthias Gamma, der seit 28 Jahren hier den Alpmeister macht mit großem Bedauern. Man merkt, wie sehr ihn dieser Verlust schmerzt und der Umstand, dass sich niemand bereiterklärt, jenen mit entsprechenden Erdbewegungen rückgängig zu machen. Seiner Meinung nach wäre die Korporation Uri als Besitzer der Alpflächen dafür zuständig, schweres Gerät und entsprechende Manpower zur Rückgewinnung von Weideflächen bereitzustellen. Diese aber sei untätig und die ihr Vieh hier auftreibenden Bauern, denen nur die Alphütten gehören und die keine weiteren Besitz- sondern nur Weiderechte haben, hätten vergeblich bei dieser Institution angeklopft.



„Über Andrea lasse ich nichts kommen…“
Während er darüber Klage führt, sitzt Matthias mit Andrea und seiner Tochter Lea am Tisch vor der Horefellihütte, wie der Niederleger genannt wird, nach dem hier in den Hauptbach mündenden Seitenbach. Mathis, wie er gerufen wird, ist mir sofort sympathisch. Ein Lächeln wie aus dem Älpler-Bilderbuch. Dass ich ihn interviewen will, hat ihm Andrea schon im Vorfeld verklickert. Und also gehe ich sofort in medias res. Mich interessiert vor allem, wie es zwischen dem verantwortlichen Alpmeister und der angestellten Älplerin mit österreichischem Migrationshintergrund funkt. Und es funkt bestens.
Über den grünen Klee lobt ihr Alpmeister meine Freundin. Wenn es nach ihm ginge, würde er sich mit Andrea als verlässliche Alp-Partnerin vor Ort in die verdiente Alpmeisterpension verabschieden in den nächsten Jahren, schließlich werde er bald 71. Die letzten Jahrzehnte habe die Alp zu viele Älpler gesehen. Das sei naturgemäß nicht optimal. Andrea habe ihm von Anfang an zugesagt. Von den vier Bewerbern auf seine Annonce auf der schweizerischen Alp-Stellenbörse www.zalp.ch hin, habe er sich nach Absprache mit seiner Tochter Lea gottlob für die Richtige entschieden. Viele mehr will ich gar nicht wissen von Mathis.
Jackpot Alp im dritten Anlauf
Und wie sieht das meine Freundin? Wir sind zum Gletscherboden rauf, Andreas liebster Weide. Der immer noch recht stattliche Brunnenfirn, wie der Gletscher hoch über uns genannt wird, schaut auf uns herab und entsendet seine schmelzende Substanz Richtung Tal. Großartige Szenerie! Wir mussten ohnehin hier rauf, um vier Nachzüglerinnen über ziemlich heikles Gelände und reißende Gletscherbäche zurück zur Herde zu treiben, was uns dann erstaunlich gut gelingen wird. Hier spielen auch Andreas vierbeinige Begleiter ihre ihnen zugeteilte Rolle. Beim Interview vorher sitzen Lio und Pales, die beiden Hütehunde und Seelentröster meiner Freundin, brav neben dieser auf einem Felsblock und ergeben zusammen dieses traumhafte Bild, das ich mit nach Hause nehmen werde.
Ja, die Voralp sei ihr Jackpot. Es passe eigentlich alles. Angefangen vom „Gelände“, den lieben Rindviechern über deren Besitzer und ganz besonders eben auch ihrem Alpmeister samt Familie. Von Anfang an habe sie sich wohl gefühlt. Klar, die Alp sei extrem steinig, aber abgesehen davon, habe man ihr keine zusätzlichen Steine in den Weg gelegt. Die eine oder andere Diskussion habe es freilich gegeben. Etwa über Sinn und Unsinn gewisser Zäune. Da sehe sie auch definitiv Verbesserungspotential. Das werde sie auch ins Werk setzen die nächsten Jahre, auch gegen Widerstände aus der Tradition heraus. Auch über die Zweitnutzung der Alp für die Jagd und ihre zu diesem Zweck anscheinend nötige, zeitweilige Ausquartierung aus dem Hochleger sei sie nicht eben glücklich. Da gebe es schon noch Rede- und Verhandlungsbedarf.



Mir tun ihre „Verhandlungspartner“ jetzt schon leid! Wenn sich Andrea mit guten Argumenten – „das Vieh hat auf der Alp Priorität!“ – einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann ist sie enorm durchsetzungsstark. So muss es auch sein, denke ich mir. Das gefällt mir. Selbstbewusst muss der heutige Älpler die Rahmenbedingungen für sich UND das ihm anvertraute Vieh mitbestimmen können! Andrea hat das gelernt. Hart gelernt. Auf den Ziegenalpen die beiden vorangegangen Sommer. Jetzt setzt sie das dort Gelernte konsequent und erfolgreich um. Das braucht Mut. Mut und Geschick im Argumentieren.
Beides attestiert ihr auch Mathis Im Interview: „Wenn Andrea das so will mit der Alphütte und den Zäunen, dann werden wir das so machen“, sagt er mir bereitwillig ins Mikro. Na dann, denk ich mir, steht der Fortsetzung von Andreas Alp-Traum ja nichts mehr im Weg…
Wenn du jetzt neugierig geworden bist auf Andreas An- und Aussichten in Sachen Alp, dann zieh dir den Podcast rein, den ich zusammen mit ihr zu später Stunde vor knisterndem Lagerfeuer unter herrlichem Sternenhimmel aufgenommen habe ….
Jetzt auch auf Spotify!
Euch gefällt was ihr lest? Hier gibt’s weitere Beiträge zum Weiterlesen:
- Natalie Schlatzer: „Es geht mir um einen ehrlichen Einblick und nicht darum, eine perfekte Welt darzustellen.“
- Auf der Möschbaueralm: Ein Blick in die Vergangenheit – und ins Heute
- Ein Sommer ohne Ruhetag – Gertrude und Walter Pomberger auf der Halter-Hütte
- Ziegen gegen Lawinen? Klingt verrückt – funktioniert aber.
- Make the Alm Great again: Bauen auf der Alm