Die Schafschied von Tarrenz im Gurgltal im Tiroler Oberland ist ein Fest für das ganze Dorf. „Schafschoad” nennen sie es. Alle freuen sich mit, wenn traditionell am zweiten Sonntag im September an die 1000 Schafe und ca. 100 Ziegen von ihrem langen Alpsommer auf den Alpen Tarrenton und Alpe Hinterberg ins Tal zurückkommen. Dort werden sie von ihren Besitzern und Besitzerinnen freudig in Empfang genommen. Unser Almfuchs hat sich unters schaulustige Publikum gemischt. Er bringt Bilder und Stimmen mit von diesem Fest für die kleinen Wiederkäuer, die bei der Almpflege eine so große Rolle spielen. Der Almabtrieb wird hier im Oberland und in Vorarlberg übrigens auch Alpabzug genannt.
Ein Hirte aus dem Bilderbuch
Alfred Doblander ist ein Hirt wie aus dem Bilderbuch. Mit seinen 66 Jahren, grauem Rauschebart, dem Hirtenstab und seinem Hütehund passt er auch optisch wunderbar ins Bild, das ich hier in Obtarrenz vorfinde. Dort dürfen die Ziegen und Schafe vor ihrem großen Auftritt im Dorf noch einmal pausieren. Eine Bildergalerie zu Alpabzug und Schafschied in Tarrenz findet ihr hier!
Schließlich haben diese bereits einen annähernd 4-stündigen Marsch von den Almen hinter sich. Genauso wie Alfred selbst und die gesamte Treibermannschaft – es sind ausnahmslos Männer –, die entsprechend schweißgebadet an diesem heißen Septembersonntag beim Schaf- und Ziegenpferch ankommt.
Ich bin schon ein bisschen früher da und versuche die eine oder andere der bereits Wartenden für ein kurzes Interview zu gewinnen. Es sind auffällig viele junge Frauen da und schnell stellen sie sich als fachkundige Züchterinnen heraus. Die mir zwar bereitwillig Auskunft über Leidenschaft und Liebe zu ihren Tieren geben, aber nicht so gerne vor die Kamera wollen.
Besonderer Tag für alle in Tarrenz
Stefanie Tangl aus Tarrenz schließlich, unterstützt von ihrem Vater Kilian, ist bereit mir ein paar Fragen zu beantworten. Der Tag ist für sie und alle im Dorf schon etwas ganz Besonderes. Vorfreude und Aufregung sind groß. „Ich freue mich immer, wenn die Schafe wieder heimkommen“, erzählt Stefanie, deren Freund eine stattliche Herde mit 60 bis 70 Schafe und ein Dutzend Ziegen sein Eigen nennt. „Die Schafe bedeuten mir viel. Es ist ein super Ausgleich zum Alltag und ein sehr schönes Hobby“, findet Stefanie
Die Anteilnahme der Tarrenter freut sie sehr. Es ist ein deutliches Zeichen für den Stellenwert der Kleinwiederkäuer und ihrer Kollegen und Kolleginnen vom örtlichen Zuchtverband hier in der Region. Vater Kilian weiß zu berichten, dass der und die eine oder andere Schaulustige teils von weither eigens zu der Schafschied anreisen. Wie sich die Hunderten Tarreter Schof und Ziega, wie sie hier im Gurgltal im Dialekt auch genannt werden, ihren Weg durch die Dorfgassen bahnen, begeistert die Zuschauer.
Nachdem sich Hirt Alfred gestärkt hat, steht auch er mir, umrahmt von „seinen“ Ziegen, für ein kurzes Interview zur Verfügung. Die ganze letzte Woche über hat er, zusammen mit einer Handvoll Besitzer, die Schafe und Ziegen im riesigen Almgebiet gesucht und zusammengetrieben für den heutigen Abzug. Die Verluste durch Stein- und Blitzschlag lägen heuer im langjährigen Schnitt von ca. zwei Prozent. Damit ist im Hochgebirge einfach zu rechnen.
Von Großraubtieren verschont geblieben
Freilich hofft man jedes Jahr, dass der Almsommer gnädig verlaufe. Gerade auch hinsichtlich der Großraubtiere. Davon wenigstens blieb er heuer verschont.
Letztes Jahr hingegen hat ihm der Bär einige Tiere gerissen und ihm selbst, seiner Psyche und Motivation schwer zugesetzt. Ganze drei Wochen sagt Alfred, war er schier am Verzweifeln und fast unfähig seinem Tagwerk nachzukommen.
Worin denn für ihn, den Hirten, der Unterscheid bestehe, zwischen beispielsweise vom Blitzschlag getöteten und von einem Bären oder Wolf gerissenen Tieren, frage ich Alfred. Tote Tiere zu finden sei natürlich nie schön. Nachdem letztes Jahr der Bär zugeschlagen hatte, sei ihm aber selbst „die Muffen“ gegangen, wie er sich ausdrückt. Viele hätten ihm daraufhin nahgelegt, sich zu bewaffnen. Das sei aber keine Option für ihn gewesen.
Ich will Alfred noch, worin er selbst das Schöne an seinem Beruf sehe. Wenn er mit seinem treuen und unersetzlichen Hund in der Natur droben sei und im Herbst, die allermeisten seiner Schutzbefohlenen gesund heimbringe und deren Besitzer ihm gebührend danken, das sei schön, sagt Alfred. Das sei heuer der Fall gewesen. Zu der Schafschied ist auch das Wetter prächtig. Den schönen Almausklang werden Alfred und seine Treibermannschaft ausgiebig feiern.
„Woll-Lawine“ in der Trujegasse
Die insgesamt 45 Besitzer und Besitzerinnen der Schafe und die 17 stolzen Ziegenzüchter und Züchterinnen feiern unter großer Anteilnahme der lokalen Bevölkerung und einiger Gäste mit. Das Menschenspalier für die durchziehende „Woll-Lawine“ in der engen Trujegasse ist wirklich beeindruckend.
Schafschied teilt Schafe und Ziegen auf
Bei der abschließenden wortwörtlichen Schafschied dividieren alle Besitzer und Besitzerinnen ihre Tiere im sogenannten Bangert, einem idyllischen Obstbaumgarten, auseinander- Es wuselt hier gewaltig. Da geht es rund und die eine oder andere lustige Szene ist garantiert. Das will sich zurecht keiner der Zuschauer entgehen lassen.
Ich jedenfalls habe die ganze Veranstaltung mit großer Begeisterung mitverfolgt und möchte mich stellvertretend für die Organisatoren bei Alexander Reich und beim Geschäftsführer des Tiroler Schaf- und Ziegenzuchtverbandes Johannes Fitsch, bedanken
Unser Almfuchs hat 2023 auch den Alpabzug von der Gogles Alm in Landeck besucht. Das Video könnt ihr euch hier ansehen! Die Bildergalerie findet ihr hier!
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