Zwar ist es absolut zu begrüßen – und längst überfällig –, dass es inzwischen auch in Österreich Ausbildungsmodule für Hirten und Hirtinnen gibt. Niemand aus der Almwirtschaft hat etwas gegen fundierte Schulung und eine bessere gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung dieser zentralen Tätigkeit. Im Gegenteil.
Doch ein Blick auf das Ausbildungscurriculum, das die gelenkte Herdenführung als Basis für jede Form des Herdenschutzes gegen Großräuber sieht, wirft jedenfalls Fragen auf. Vor allem angesichts der ökonomischen und topographischen Voraussetzungen unter denen hierzulande Kleinwiederkäuer gealpt werden. Auf vielen, teils gemischt bestoßenen Almen werden nur relativ wenige Kleinwiederkäuer aufgetrieben. Andererseits werden auf (relativ) wenigen großen Almen viele kleine Schafbestände im Sommer zu einer größeren „Herde“ zusammengeführt. Die Idee, diese möglichst „kompakt“ zu führen, ist in der Praxis mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, wie ich im folgenden Beitrag zeigen möchte.
Ein Faktencheck zum Thema Herdenschutz und Hirtenberuf
Die Diskussion über den Wolf und den Schutz unserer Almen wird bei uns nun schon seit gut einem Jahrzehnt mit viel Emotion geführt – teils mit verständlicher Sorge, teils mit Wunschdenken. Eines der gängigsten Argumente: „Dann brauchen wir halt wieder mehr Hirten. Und folglich eine Ausbildung.“ Klingt überzeugend, klingt einfach.
Dass es alles andere als einfach ist und der Teufel im Detail steckt, zeigt ein nüchterner Blick auf die 2025 auslaufenden Herdenschutzprojekte in Tirol. Und der fällt, bei aller Offenheit gegenüber neuen Wegen, ernüchternd aus.
Basis meines Diskussionsbeitrages sind vor allem die publizierten Zwischenergebnisse für den Almsommer 2023. Dies scheint erklärungsbedürftig, da inzwischen auch der Bericht über den Almsommer 2024 vorliegt, der im Tonfall wesentlich positiver ausfällt. Warum beziehe ich mich nur zum Teil auf diesen? Weil der in allen relevanten Ergebnissen auf zwei der drei Projektalmen unzweideutig negativ bilanzierende Almsommer 2023 in der Konsequenz dazu geführt hat, dass auf den betroffenen Almen eine ganze Reihe von auftreibenden Betrieben ihre Beteiligung am Projekt für das Folgejahr zurückgezogen haben.
Das heißt 2024 wurden auf diese Almen mit einem Futterpotential für 800 bzw. 700 Schafe nur noch 400 bzw. 220 (!) Schafe aufgetrieben. Diese nun mit zweifacher Behirtung, Hütehunden und (ausgerechnet auf der Alm mit den wenigsten Schafen) zusätzlichen Herdenschutzhunden gut über den Almsommer zu bringen, ist gewiss immer noch viel Arbeit, aber meines Erachtens kein realistisches Szenario mehr. Dem positiven Fazit, dass der Bericht für dieses Jahr zieht, kann ich daher nur sehr eingeschränkt zustimmen.
Selbst der Bericht für das Jahr 2024 muss zugeben: „Vor dem Hintergrund der gesunkenen Auftriebszahlen auf der SSA [Spisser Schafalpe] und der VA [Verwall Alpe] ist aus ökonomischer Sicht auch die Anstellung von jeweils zwei Hirt:innen zu hinterfragen.“ Und weiter heißt es: „Bezüglich der Kostensituation kann festgehalten werden, dass das Privileg der umgesetzten öffentlichen Begleitung und Finanzierung der Herdenschutzprojekte zum aktuellen Stand einzigartig in Tirol und Österreich ist. Derzeit ist auch noch keine finanzielle Perspektive für die Zukunft einer professionellen Schafalpung bekannt.“
Zugleich betont der Bericht aus 2024 zum wiederholten Mal, dass der Gesundheitsstatus der Tiere am Beginn der Alpung entscheidend sei und dass hier besonders bei der Sanierung der Moderhinke schöne Erfolge bei den verbliebenen (!) Betrieben als Ergebnis niederschlage.
Auch erwähne ich der Fairness halber, dass der Bericht für die teils schlechten Ergebnisse vor allem aus dem Jahr 2023 jene Betriebe hauptverantwortlich macht, die ihre Projektbeteiligung zwischenzeitlich zurückgezogen haben. Diese hätten gerade in betreffs des Gesundheitsstatus‘ der aufgetriebenen Tiere „geschlampt“.
Wunschdenken? Die vermeintliche „Renaissance“ des Hirtenberufs
Man hört es immer wieder: Die Rückkehr des Wolfs könnte eine „Renaissance des Hirtenberufs“ einläuten. Schön wär’s. Die Wahrheit sieht anders aus. Zum Hirten oder zur Hirtin musst du geboren sein. Und dann brauchst du eine ordentliche Portion Idealismus, körperliche Fitness im Hochleistungsbereich, tiermedizinisches Grundwissen, absolute Verlässlichkeit und psychische Belastbarkeit – plus die Fähigkeit, tagelang allein und bei jedem Sauwetter draußen zu sein.
Der Projektbericht der Lader Heuberg-Alm bringt es auf den Punkt: 11 Stunden Arbeit täglich, 7 Tage die Woche. Durchschnittlich 7,1 Kilometer Strecke und fast 1.300 Höhenmeter – pro Tag. Und das alles unter enormem Druck: Auch mit größtem Einsatz wird man Verluste bei den Tieren nicht immer verhindern können. Wer in der Sonne liegen und den Schäfchen beim Grasen zusehen will, ist hier falsch.
Kompakt geführt, kompakt gestresst?
Ziel aller Maßnahmen war es, Risse durch Großraubtiere zu verhindern. Und tatsächlich: Auf keiner der drei Projektalmen wurde ein Tier gerissen. Ein Erfolg? Vielleicht. Gesicherte Raubtierpräsenz gab es (2023) ohnehin nur auf einer Alm. Und: Der Schutz hatte seinen Preis.
Die zentrale Maßnahme war das tägliche Einsammeln der Herde in einen mobilen, stromgeführten Nachtpferch. Zwei der Almen setzten tagsüber zusätzlich Hütehunde ein, um die Herde „kompakt“ zu führen – also ständig zusammenzuhalten. Was als Schutz gedacht war, wurde mitunter zum Stressfaktor: Unruhe, schlechtere Gewichtszunahmen, mehr Krankheitsübertragungen. Das zeigte sich besonders deutlich bei jenen Tieren, die sich mit der ständigen Bewegungslenkung nicht anfreunden konnten.
Der beste Herdenschutz ist… der Hirte
Ganz anders das Bild auf der Lader Heuberg-Alm. Hier verzichtete Hirte Alois Marth auf Hütehunde bei der Tagführung. Die Herde durfte sich freier bewegen – was ihm selbst mehr Aufwand bescherte, den Tieren aber besser bekam. Die Zunahmen passten, die Tiergesundheit blieb stabil. Der Preis: Wesentlich mehr Höhenmeter täglich für den Hirten und ein höheres Restrisiko am Tag. Doch die Gesamt-Bilanz fiel positiv aus.
Wirtschaftlichkeitsfaktor: Idealismus
Ein entscheidender Punkt, der in der öffentlichen Debatte meist untergeht, ist der wirtschaftliche Aspekt. Schon im Referenzjahr 2020 – also vor den Projekten – war laut Bericht für die Verwall-Alpe „keine positive Wirtschaftlichkeit“ der Schafalpung gegeben. Übersetzt: Schafhaltung auf der Alm lohnt sich nicht. Sie lebt vom Idealismus der Halter – und von Ausgleichzahlungen der öffentlichen Hand.
Die Herdenschutzmaßnahmen verschärfen diese wirtschaftliche Schieflage. Allein die Personalkosten (vor allem für die Hirten) machen rund 70 % der Gesamtkosten aus, die Förderquote liegt bei mageren 14 %. Für den Projektzeitraum übernimmt das Land Tirol die Differentialkosten. Danach?
Ein Vorschlag aus Raumberg-Gumpenstein geht davon aus, dass bei österreichweiter Umsetzung jährlich rund 21 Millionen Euro für Personal und Infrastruktur nötig wären. Realisierbar wäre das nur mit einer radikalen Strukturänderung: Kleine Herdenverbände müssten verschwinden, Großherden entstehen. Doch genau das würde viele lokale Almstrukturen zerstören
Schlussfolgerung: Zwischen Machbarkeit und Mythos
Die Tiroler Herdenschutzprojekte liefern keine einfachen Antworten, aber viele wichtige Hinweise:
Herdenschutz ist extrem personalaufwendig– und qualifiziertes Almpersonal ist Mangelware.
Der Einsatz von Hütehunden kann kontraproduktiv sein, wenn er zu Dauerstress bei den Tieren führt.
Herdenschutzhunde wurden kaum getestet, sind aber bei steigendem Wolfsvorkommen wohl unverzichtbar – samt aller Herausforderungen, die sie mitbringen.
Die ökonomische Tragfähigkeit des Modells ist ohne massive öffentliche Mittel nicht gegeben.
Ein bundesweites Ausrollen würde tief in bestehende Almkulturen und -strukturen eingreifen.
Was bleibt?
Die Herdenschutzprojekte zeigen deutlich, wie hoch der Preis für den Schutz unserer Almnutzung tatsächlich ist – körperlich, psychisch, organisatorisch und finanziell. Und sie liefern vor allem eines: Zahlen und Fakten gegen jene, die noch immer meinen, ein paar Hirten und Hunde würden das Problem schon lösen.
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