Vom Ende der Sennalmen: Die Hinteregger Alm in der Steiermark ist ein Beispiel von vielen

Sennalmen mit Milchkühen werden weniger. Mehr Mutterkühe und Jungvieh werden auf die noch verbliebenen Almen in Österreich getrieben. Die Hinteregger Alm im Steirischen Ennstal ist ein Beispiel von vielen. Unser Almfuchs hat sich dort umgehört.

Die Hinteregger Alm, hoch über der Bezirkshauptstadt Liezen im Steirischen Ennstal, wurde zwischen 1000 und 1200 n. Chr. urbar gemacht. In ihrer vielhundertjährigen Geschichte hat sie zweifellos große Veränderungen durchgemacht. Die historisch jüngste unter diesen „Umbrüchen“ zeigt sich 2023: auf der einstmals größten Milchkuhalm Steiermarks weiden heute fast nur mehr Mutterkühe und Jungvieh. Ein Schicksal, dass die Hintereggeralm mit zahlreichen anderen Almen in Österreich teilt. Rund 8000 Almen gibt es laut Statistik im Land noch, davon sind rund 560 reine Sennalmen (7 Prozent) Die Gründe dafür wollte unser Almfuchs direkt vor Ort erfahren.

„Wir sind die größte Milchkuhalm gewesen. Das hat sich in den letzten Jahren leider geändert. Teils dadurch, dass die Bauern keine Nachfolger mit Milchkühen haben und teilweise auch, weil das Milchkontingent gefallen ist, und das Almfahren gar nicht mehr wirtschaftlich ist, weil die Bringung von der Milch usw. zu teuer kommt“, bringt es Fritz Tasch, vulgo „Schlagerbauer“ auf den Punkt.

Fritz ist der letzte der verbliebenen 11 Almbauern, der noch Milchkühe auf die Alm auftreibt. Ganze 6 Stück, die er im Sommer auf seiner „Schlagerbauerhütte“ melkt und deren Milch er und seine Frau zur Gänze am Heimbetrieb verarbeiten. Unter anderem stellen sie den berühmten, aromatischen Steirerkas daraus her, den sie dann auch auf der Alm ihren Gästen anbieten.

„Es waren früher zehn oder zwölf Hütten, wo eine Sennerin oder ein Senner waren. Am Wochenende habe ich damals zu meiner Frau gesagt, wohin gehen wir, wo setzen wir uns zusammen mit den anderen. Heuer im Sommer, weil wir die letzten sind mit den Milchkühen, waren wir mutterseelenallein auf der Alm.“

„Der letzte (Milch)Mohikaner“
Schade findet Fritz den Umstand, dass er sozusagen „der letzte (Milch)Mohikaner“ unter den Almbauern und Bäuerinnen ist. Der Charakter der Alm hat sich dadurch stark verändert. Dass sich diese Tendenz einbremsen, oder gar das Rad der Zeit nochmal zurückdrehen lassen werde, glaubt Fritz nicht, als er mit mir spricht.

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Viele Almen sind in ihrer Existenz bedroht
Das sieht auch Anton Zecher so, der Obmann der Hinteregger Alm. Anton folgt diesem Gedanken noch weiter und sieht viele Almen insgesamt in ihrer Existenz bedroht. Nicht nur die Milchkuhalm, die Almen generell stünden stark unter Druck, meint er. Was sich auf den Milchkuhalmen bereits vollzogen hat, drohe auch andernorts: „Viele Betriebe intensivieren im Tal, halten mehr Tiere, aber Jungvieh wird weniger. Das ist generell so auf den ganzen Almen. Das Angebot an Weidevieh für die Almen wird weniger“, sagt Anton.

Für die Hinteregger Alm befürchtet Anton zwar kein absehbares Ende. Sie ist ein beliebtes, bequem erreichbares Ausflugsziel, sowohl für die Liezener selbst als auch für die benachbarten Oberösterreicher. Auch sei die Almgemeinschaft der Bauern und Bäuerinnen hier intakt, man verstehe sich sehr gut untereinander.

„Aber bei Almen, die schwieriger zu bewirtschaften sind, da wird es ein Thema sein, dass sie nicht mehr bestückt werden und zuwachsen. Es ist traurig“, meint Anton.

Jeder Hektar Alm ist wertvoll
Traurig finde ich das auch. Jeder Hektar Alm, der durch Beweidung erhalten bleibt, ist wertvoll. Nicht nur für die Natur- und Kulturlandschaft, sondern auch für die Gesundheit der Weidetiere und der Menschen. Die Intensivierung im Tal macht es Betrieben tendenziell schwerer, ihre leistungsstarken Kühe auf die Alm zu treiben. Wo dies im großen Maßstab noch geschieht, wie in Tirol, Salzburg oder Vorarlberg, müssen Molkereien bereit sein, den Mehraufwand der Abholung von der Alm zu stemmen. Idealerweise wird die hochwertige Milch auf der Alm selbst verarbeitet und vermarktet – das ist selten geworden, aber es gibt sie, die Ausnahmen wie die Alpe Garnera in Vorarlberg oder die Watschiger Alm in Kärnten, die ich im Sommer ebenfalls besucht habe. Wo beides fehlt, verschwinden Milchkühe zusehends von der Alm, wie in anderen Bundesländern.

Dieser bedauerliche Trend macht dann aber auch vor den Galtalmen nicht unbedingt Halt, wie Obmann Anton Zecher befürchtet und wie es die rückgängigen Auftriebszahlen bestätigen. Dann verlieren aber nicht nur die Betriebe im Bergland wertvolle Futterflächen, die auf extensive Beweidung angewiesene Kulturlandschaft an Artenvielfalt, sondern wir alle als Gesellschaft, wie es Anton abschließend ausspricht. „Almen sind Erholungsgebiete. Und wenn Almen zuwachsen, ist der Erholungsraum verloren, für die Allgemeinheit. Es ist nicht nur ein Verlust für die Bauern auf lange Sicht, sondern für die gesamte Bevölkerung.“ Es ist ein düsterer Ausblick zum Ende der Almsaison 2023.Die rückläufigen Tendenzen sind nicht von der Hand zu weisen. Es wird sich in Zukunft noch drängender die Frage stellen wie wir als Gesellschaft den Erhalt unserer Almen fördern wollen.

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